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LADIES und weitere Arbeiten aus der Barcodeserie (2022-23)

Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Martin R. Becker in der Galerie dreivier in Kempen am 30.03.2022
Michaela Plattenteich M.A.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunstfreunde, liebe Frau Filipczyk, lieber Martin,

zunächst möchte ich mich ganz herzlich für die Einladung bedanken. Es ist mir eine besondere Freude, diese Ausstellung heute Abend mit ein paar einführenden Worten eröffnen zu dürfen. Diese Freude hängt auch mit einem besonderen Jubiläum zusammen. Seit 25 Jahren begleite ich das Werk von Martin R. Becker als Journalistin und inzwischen verbindet uns auch eine Freundschaft.

Die ersten Arbeiten, die ich von ihm gesehen habe, waren gemalt, abstrakt und in Schwarzweiß. Schon damals tat sich hinter der formalen Strenge eine spannende Welt auf. Neben den vielen Nuancen von Grau, die zwischen dem Weiß und dem Schwarz zu finden sind, beeindruckten mich die Dynamik und die Experimentierfreude, die hinter dieser Reduktion sichtbar wurden. Bei oberflächlicher Betrachtung erschloss sich einem das nicht, man musste sich schon, darauf einlassen. Dann allerdings entdeckte man eine Offenheit und lebendige Vielfalt, die viele Assoziationen, durchaus auch landschaftlicher Art, zuließen. Tatsächlich waren für Martin R. Becker Seherlebnisse vulkanischer Landschaften (Lanzarote und Hawai) oder der Arktis eine Inspirationsquelle. Trotzdem wirkten diese Bilder nie beliebig interpretierbar, sondern sehr konzentriert.

Bald ging der Künstler einen Schritt weiter und versuchte, an Hand der eigenen Bilder, dem Wesen der Malerei auf die Spur zu kommen. In einer Ausstellung 2003 in der Galerie Meta Weber zeigte er „Fragmente“. Es waren Ausschnitte aus älteren Arbeiten, die er als schmale Hochformate eigenständig präsentierte. Bei einem anderen Verfahren scannte er kleine Details seiner Bilder ein, vergrößerte sie und druckte sie auf Fotopapier. Dies lenkte nicht nur den Blick auf einzelne Details wie der Spur eines Pinselstrichs oder einem winzigen Farbtupfer, sondern zeigte auch das experimentierfreudige Spiel mit verschiedenen Mitteln, das dem Betrachter wiederum neue Möglichkeiten der Wahrnehmung eröffnete.

In den letzten Jahren ist es für den Künstler zunehmend die digitale Welt, die ihm neue Werkzeuge und damit auch eine Fülle von Möglichkeiten eröffnet. So auch bei den jüngsten Arbeiten, die wir hier sehen können. 2019 waren einige davon in einer Einzelausstellung (wieder in der Galerie Meta Weber) zu sehen, in der Martin R. Becker seine „BarCodeArt“ erstmals in größerem Umfang präsentierte. Was ihn daran reizte, war die Möglichkeit, die eigentlich sperrigen QR-Codes und Bar-Codes für künstlerische Aussagen zu nutzen und in andere Bedeutungszusammenhänge zu stellen. Wobei
eine der Inspirationsquellen für Martin R. Becker auch wieder zur Kunst führt. Es sind die Streifenbilder des französischen Konzeptkünstlers Daniel Buren, die er als regelmäßiger Besucher des Kaiser Wilhelm Museums gesehen hatte. Anders als bei diesem Vorbild, zeigen die Barcodes keine gleichmäßige Abfolge der Streifen, sondern beinhalten eine schier unerschöpfliche Vielfalt von Möglichkeiten. Denn hinter ihren Linien verbirgt sich ja immer eine Information, die es zu entschlüsseln gilt. Mit zunächst ganz dezent eingebauten Bildelementen hat der Künstler dazu einige Spuren gelegt.

Es sind z.B. farbliche Bildzitate, wie der berühmte Blauton von Yves Klein, der sich als schmaler Streifen in den Code einfügt. Neuerdings können es auch deutlich sichtbare, gegenständliche Bildzitate, z. B. von befreundetet Künstlern, sein. Als Beispiel verweise ich auf “Hommage à Bart K.“. Hier wird ein Bildmotiv von Bart Koning, eine Tulpe, mit einem Porträt des Künstlers kombiniert. Der Code ergibt seinen Vornamen. Seine Linien bilden dabei eine Art
durchlässigen Vorhang, hinter dem das eigentliche Bildthema visualisiert wird. Durch diese Darstellung entwickelt sich aus der flachen Welt der
Codes eine Tiefe und in besonderer Weise öffnen sich auch Räume.

Besonders spielerisch ist das bei der Serie „Ladies“ zu beobachten, die hier einen Schwerpunkt der Ausstellung bildet. Die schön anzusehenden Blumenblüten, denen verschiedene Frauennamen zugeordnet sind, verbinden sich mit den horizontal angeordneten Linien des jeweiligen Barcodes. Dieser enthält den Namen der jeweiligen „Lady“. Mal mehr mal weniger durchdringen die Blüten die Linien, ihre meist intensiven Farben und natürlichen Formen bilden einen reizvollen Kontrast zu dem streng linearen Gefüge.

In der kleinen Serie „Colors“ geht der Künstler noch einen Schritt weiter. Die Strichcodes sind hier wieder vertikal angeordnet, und neben einer einzelnen monochromen Blüte geben sie den Blick auf eine Blumenwiese frei. Die nüchterne Welt der Barcodes wird zum romantischen Landschaftsbild, das man wie durch ein Fenster sieht.

Wenn man noch einmal auf die Kunst Martin Beckers von vor 25 Jahren zurückblickt, kann man feststellen, was für eine überraschende
und spannende Entwicklung sich von damals bis heute abgespielt hat. Und wer weiß, mit welchen Überraschungen wir noch zu rechnen
haben.

Doch jetzt möchte ich Sie dazu einladen, selbst zu schauen, sich auf diese Werke einzulassen und vielleicht mit dem Künstler ins Gespräch
zu kommen. Dabei wünsche ich Ihnen viel Vergnügen und danke für Ihre Aufmerksamkeit.


Vorwort zum Katalog „LADIES und weitere Arbeiten aus der Barcodeserie“, erschienen zum Open-Space-Projekt im Kunstsalon 5, Kempen, 2023

Seit einigen Jahren beschäftigt sich Martin R. Becker mit dem Thema des Barcodes, den er in seine künstlerische Arbeit einfließen lässt. Die Beschäftigung damit ist eine konsequente Weiterentwicklung seines Werkes, die aber auch überraschend neue Wege beinhaltet.

Waren in den ersten Barcode-Arbeiten 2018/19 die schwarzweißen Strichcodes selbst stark im Vordergrund, was eine gewisse Strenge und zugleich Rätselhaftigkeit in sich trug, so ist in der neuen Serie „Ladies“ ein anderer Ton angeschlagen. Der Künstler hat zuerst die Namen der „Ladies“, wie z.B. Sonja, Hildegard oder Gabriele in Barcodes übertragen und diese um neunzig Grad gedreht. Diese kleine Veränderung beeinflusst den Gesamteindruck nachhaltig. Durch die waagerechte Anordnung der Linien entsteht schnell der Eindruck von Landschaft. Das wird zwar durch das quadratische Bildformat wieder etwas relativiert, doch kann man den Vergleich eines Fensters heranziehen. Die Barcodes erinnern dabei an die Lamellen einer Jalousie, ihre Unregelmäßigkeiten bilden ein Gegengewicht zu einer allzu symmetrischen Anordnung.

Hinter diesen „Lamellen“ findet ein optisches Ereignis von besonderer Präsenz statt. Es ist nicht nur gegenständlich, sondern auch von leuchtender Farbkraft. Es sind große Blumenblüten und jedem Frauennamen ist eine dieser Blumen zugeordnet: Taglilie, Eibisch, Christrose oder Hibiskus. Die Blüten haben sich zwischen die Linien der Codes hineingeschoben, manchmal sieht es auch so aus, als wollten sie das Liniengefüge durchdringen.
Neben den reizvollen Kontrasten von gegenständlicher und abstrakter Form, von leuchtenden Farben und Schwarzweiß entsteht vor allem der Eindruck von Tiefe.

In einer weiteren, kleinen Serie „Colors“ geht Martin R. Becker noch einen Schritt weiter. Die Strichcodes bleiben diesmal in der Senkrechten, eine einzelne monochrome Blüte ist vor den Linien platziert. Im Hintergrund entfaltet sich eine Blumenwiese, mal in Rot, in Blau oder Gelb. Auch ein Stück Himmel ist darüber erkennbar, ein klassisches Landschaftsbild entsteht. Die Linien übernehmen die Funktion eines Gatters, das zwar
begrenzt, aber den Blick frei in die farbenprächtige Landschaft gibt.

Mit der nüchternen Sprache der Barcodes wird diese wieder etwas entzaubert aber auch erfrischend neu interpretiert.

Michaela Plattenteich 2023