VERGESSEN? – ERINNERN! artists # roots – masters – friends
Ausstellung im Stadtarchiv Krefeld vom 9.3. bis 4.4.2025
Vorwort
Der Titel der Ausstellung, die Martin R. Becker im März und April 2025 im Foyer des Stadtarchivs auf der Girmesgath zeigt, führt mitten ins Herz dieser Einrichtung: Auswahl und der Aufbewahrung von Relikten der jeweiligen Zeit ist die Voraussetzung des historischen Erinnerns, der Geschichtsschreibung. Und diese Auswahl aus der schier unendlichen Menge des Materials bedeutet stets das Ausscheiden, meist die Kassation des größten Teils des begutachteten Materials. So ist das Erinnern des uns wesentlich Erscheinenden nur möglich durch das Vergessen, durch das sich Trennen von dem als unwichtig Erachteten. Die praktische Tätigkeit des Archivars ist also überwiegend das Wegwerfen, das Vergessen-Lassen, um Orientierung und Endlichkeit aus der schier unendlichen Informationsmasse zu ermöglichen. Ziel sind Klarheit und Distinktion, wie sie die Strichcodes Martin Beckers zeigen. Sie enthalten Information und Nicht-Information, je nachdem welche Fläche schwarz oder weiß belegt ist und zwar vor dem künstlerisch gestalteten Hintergrund angedeuteter Motive, welche die reine, kodierte Information übersteigen und auf seine hohe künstlerische Produktivität weisen.
Ähnlich wie bei der gemeinsamen Erinnerung der Gesellschaft ist es beim Einzelnen. Er arbeitet Erlebnisse im Traum ab, muss vergessen, um bewusst weiterleben zu können. Das unterscheidet uns von den meisten Tieren, die allein in der Gegenwart leben. Das produktive des Erinnerns über die Lebensjahre erschafft das Selbst- und Weltbild vor dem Hintergrund des Vergessens. Beides ist in Gesellschaft wie beim Individuum untrennbar aufeinander bezogen.
Ein Plädoyer also für das Vergessen? Es ist eine ebenso unabdingbare Tätigkeit wie das konstruktive Erinnern der Vergangenheit. Das Erinnern enthält somit stets das Vergessene als die Voraussetzung seines Zustandekommens. Das meinte Friedrich Nietzsche in seinem Werk ‚Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben‘: „Es ist möglich, fast ohne Erinnerung zu leben, ja glücklich zu leben, wie das Tier zeigt; es ist aber ganz und gar unmöglich, ohne Vergessen überhaupt zu leben“ (Unzeitgemässe Betrachtungen II, Kritische Studienausgabe, Bd. 1, hg. von G. Colli und M. Montinari, München 1999, S. 250).
Dr. Olaf Richter
Einführung
Im Archiv der Erinnerung – zur Ausstellung von Martin R. Becker im Krefelder Stadtarchiv
Künstler präsentieren ihre Werke meist in Museen oder Galerien. Martin R. Becker hat als Ort das Krefelder Stadtarchiv gewählt. Eine passende Entscheidung, denn Auswahl und Inhalt seiner Arbeiten haben deutliche Bezüge zum Archiv. Dort wird Schriftgut verwahrt, das zunächst gesichtet, ausgewählt und dann nach festen Kriterien geordnet und aufbewahrt wird.
Martin R. Becker hat Rückschau auf sein künstlerisches Schaffen gehalten. 1949 im Saarland geboren lebt und arbeitet er seit 50 Jahren in Krefeld.
Am Beginn stand die Überlegung, welche Personen für ihn wichtig waren und sind, welche Kunst ihn begeistert und geprägt hat. Daraus hat sich eine Gliederung in drei Kategorien ergeben, die er mit folgenden Bezeichnungen versehen hat: artists # roots, masters, friends – also Künstler als Wurzeln, als Meister und als Freunde. Jeder Kategorie sind vier, bzw. fünf Personen zugeordnet, so dass sich insgesamt 13 verschiedene Werke ergeben. Auf den ersten Blick ähneln sie sich sehr, da der Künstler ihnen ein einheitliches Erscheinungsbild gegeben hat. Die Streifenstruktur in Schwarzweiß ist nicht nur an Barcodes orientiert, sie funktioniert auch so. Martin R. Becker codiert die Streifen mit Inhalten und kombiniert sie mit fragmentierten Bildinhalten. Mit dieser Vorgehensweise knüpft er an die Streifenbilder von Daniel Buren aus den 1970er Jahren an, die er bei seinen regelmäßigen Besuchen in den Krefelder Kunst-Museen kennengelernt hatte. Im Unterschied zu Buren sind die Streifen auf Martin R. Beckers Bildern nicht exakt gleich gemalt, sondern entwickeln sich gemäß dem in den Code übertragenen Begriff. Daraus ergibt sich ein eigener Rhythmus, dessen formale Strenge durch die eingeschobenen Bildfragmente aufgelockert und bereichert wird.
Manchmal kommt Farbe ins Spiel, wenn auch sehr reduziert, wie auf dem Bild „Yves #1“. Es gehört zu der Gruppe artists #masters und ist als Hommage an Yves Klein zu verstehen. Als Bildfragment hat Martin R. Becker einen Streifen in dem legendären Yves-Klein-Blau eingefügt. In Verbindung mit dem Bildtitel ergibt sich sofort die Assoziation zu dem berühmten Künstler, den Becker in den Kreis der ihn prägenden Meister aufgenommen hat.
In diese Gruppe reihen sich noch Cy Twombly, Peter Struycken und Robert Indiana ein. Bei letzterem verwendet Becker ein Bildfragment, das wie bei dem Beispiel von Yves Klein nur aus einem Farbstreifen besteht. Diesmal leuchtet er in Rot und ist ein minimalistisches, aber sehr aussagekräftiges Bildzitat von Indianas berühmtestem Werk „Love“.
Betrachtet man nur die Struktur der Streifen und die darin eingefügten Fragmente ohne jede weitere Information, geben sie kaum etwas von ihrem Inhalt Preis. Erst der Titel, der die Begriffe „Love“ und „Robert Indiana“ enthält, führt auf die richtige Spur. Diese Verschlüsselungen benutzt Martin R. Becker auch bei den Freunden und seinen sogenannten Wurzeln.
Bei den Freunden handelt es sich um Künstlerkollegen, denen er teilweise schon seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden ist. Bis auf den inzwischen verstorbenen Peter M. Heeser bestehen diese Kontakt bis heute. In dieser Werkgruppe werden die schwarzweißen Barcodes, welche die Vornamen der Freunde ergeben, durch mehrere Farbstreifen aufgelockert. Diese enthalten wieder Bildzitate der jeweiligen Werke. Bei „Christine“ (Christine Prause) sind es minimale Fragmente ihres farbenprächtigen Bildes „Interieur“. Ebenso geht Martin R. Becker bei „John“ (Waszek), „Peter“ (Heeser) und „Tania“ (Strickroth) vor. Wer die Werke gut kennt, wird die charakteristischen Elemente, die Becker ausgewählt hat, identifizieren.
Dieser Künstlerkreis hatte sich auch 2019 unter dem Titel „Das kleine Format“ zu einer Gruppenausstellung zusammengefunden. Damals nicht dabei war Bart Koning. Das ihm gewidmete Bild „Bart“ setzt sich deutlich von den anderen ab. Die Streifen des Barcodes sind diesmal ausschließlich weiß und sie verlaufen horizontal. Hinter dieser Linienstruktur leuchtet ein exakt gemalter rosafarbener Tulpenkopf, links neben ihm sieht man die Gesichtshälfte des Malers Bart Koning. Der Künstler und sein Werk sind nebeneinander sichtbar, ihre Bilder entwickeln hinter den Linien eine starke Präsenz. Das ist eindeutiger, weniger verschlüsselt als bei den anderen Künstlerfreunden.
Dieses Bild stellt eine Verbindung zur dritten Gruppe her, die den künstlerischen Wurzeln gewidmet ist. Auch hier bilden die Streifen der Barcodes eine horizontale Struktur, welche die Bildfläche bedeckt, aber den Hintergrund durchscheinen lässt. Sie zeigen die Gesichter der vier Persönlichkeiten, die Martin Becker in seinen Anfängen geprägt haben. Es sind dies Richard Eberle, Boris Kleint, Oskar Holweck und Jo Enzweiler. Wieder sind es die Vornamen, die durch Barcodes verschlüsselt werden und noch im Titel des jeweiligen Bildes genannt sind. Hinter den horizontal ausgerichteten Streifen sieht man die Gesichter in Nahaufnahme. Der Blick der Männer ist mal gesenkt, in die Ferne oder auf den Betrachter gerichtet. Auch wenn Martin Becker nicht alle persönlich gekannt hat, haben sie alle einen Bezug zu seiner saarländischen Heimat, in der er seine Studienjahre verbracht hat. Bei Richard Eberle hatte er Kunstunterricht und beschäftigte sich im Studium an der PH-Saarbrücken mit der Gedankenwelt von Jo Enzweiler. Dieser war Schüler von Boris Kleint, ebenso Oskar Holweck. Innerhalb dieser Vierergruppe gibt es also ein enges Beziehungsgeflecht, dessen Dreh- und Angelpunkt der Künstler selbst ist. Diesmal zeigt Martin R. Becker nichts von der Kunst, es geht mehr um die Menschen selbst, die ihn auf verschiedene Weise geprägt haben. Dennoch gibt der Künstler nicht allzu viel von sich Preis, die verschlüsselten Bilder geben Denkanstöße, auch den ein oder anderen Hinweis. So könnte man, um beim Bild des Archivs zu bleiben, Martin R. Beckers Werke auch als ausgewählte Dokumente verstehen, die zur weiteren Beschäftigung und Erforschung einladen. Die 13 hier versammelten Werke sind jedenfalls sein ganz persönliches Archiv der Erinnerung, das er mit den Betrachtern seiner Kunst teilt.
Michaela Plattenteich M.A.
