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OUT OF BOOK 2019/20

Dr. Dirk Tölke, Kunsthistoriker, Aachen

Katalogtext und Einführungsvortrag zur Ausstellung „OUT OF BOOK“, 2019/20 in der Galerie Meta Weber, Krefeld

Code zivil
Martin R. Becker geht analytisch vor. Er visualisiert die Gegenwart im weitergedachten Geiste der Konzeptkunst. In einer früheren Arbeit ergänzte er die Repräsentation eines Stuhls als Abfolge von Realgegenstand, Fotografie und Textbeschreibung, wie sie der Konzeptkünstler Joseph Kosuth als Vergleich von nebeneinandersetzte, am Beispiel eines Telefons durch ein grob verpixeltes Bild als zusätzliche digitale Wirklichkeitserfassung. Diesem Blickwinkel verdankt sich in der Arbeit „komputerstruktur 4a“ die Anspielung auf den Niederländer Peter Struycken (*1938), der sich schon seit 1969 künstlerisch mit Computern auseinandersetzt und in anderen Werken der Verweis auf die Strichbilder des französischen Konzeptkünstlers Daniel Buren. Diesen Blickwinkel, diese Prägung unseres Sehens will Martin R. Becker sichtbar machen. Dabei geht er zwar formal streng, bisweilen seriell und ä la Vasarely vor, aber er bleibt spielerischer und humorvoller, als die bisweilen asketisch klinischen Vorgänger. Seine Arbeiten leben von der Präzision und von der sie ergänzenden Freiheit und Einbindung realistischer Fragmente, etwa bei „Wald# 1″. Er macht die Grenzen der Wahrnehmung sichtbar, inszeniert Unschärfen, vergrößert, bzw. mikroskopiert bis zur Unkenntlichkeit und befasst sich darin mit den kleinsten Bausteinen bildlicher Darstellung, den Pixeln einerseits, andererseits mit der Fähigkeit des Auges, mit minimalen Informationen dennoch Formen zuzuordnen und wiederzuerkennen zu können. Was nehmen wir war, was können wir erkennen, was wissen wir. Das digitale Bild hat nach Farbpigment, Pinselstrich und Fotokörnung mit dem Pixel eine hochauflösender werdende Würfelstruktur hervorgebracht, die aus der Nähe betrachtet eine Fülle von formalen Kompositionen von Farben und Helligkeitsstufen bietet. Zugleich ist dieses bildhaft abstrakte Nebeneinander eine Sprache, die hinter dem Bild noch mehr als tausend Worte sagen möchte. In der von Martin R. Becker aufgegriffenen Struktur des QR-Codes steht hinter der grafischen unkonkreten Verteilung eine beliebige weitere bildliche oder textliche Information. Er verweist in seiner Code-ART zunächst 2011 auf das letzte Abendmahl oder ein Gedicht von Otto Ernst, deren Verschlüsselung auf ein Streumuster von weißen und schwarzen Quadraten nebst Fixierungspunkten führt, das selbst nur als reines Rastermuster oder Verweis auf zeitgenössische Kommunikationstechnik gelesen werden kann. In späteren Arbeiten integriert er in die Weißflächen Fotografien, die neben der Konfrontation von Natur- und Technikform, zusätzlich malerisch durch die Grenzen der Auflösung und/oder Filter verunklärt sind., auch weil die technische Übersetzung von der Naturwahrnehmung entkoppelt. Ein weiteres grafisches Muster unserer Gegenwartszivilisation greift er mit dem Barcode auf, in den er in Anlehnung an Konzeptkunst farbige und realistische Elemente einbringt, die der Linienbreitenabfolge ihre Strenge nimmt und auf Kunstformen der Nachkriegsmoderne anspielt (Yves Klein, Cy Twombly), die ihre Seherfahrung möglicherweise Ausstellungen in Haus Lange und im Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld verdanken, wo der Saarbrücker seit 1974 ansässig ist. Neben Künstlerhommagen, thematisiert er mit Adam und Eva die Schöpfungsgeschichte als Gegenbild zur künstlichen Wirklichkeit der Digitalisierung, die ihre Gefühlssehnsucht in Unmengen von Internetpornos auf kaltem Wege stillt, worauf die Arbeit „Porn“ verweist. Das Bildhafte bleibt fragmentiert im Hintergrund, ist bestenfalls Andeutung und informell interessant. Mit kritischer Distanz durchbricht er die zugleich mitvisualisierte Monotonie und Nüchternheit der Uniformität in dieser neuen Vielfaltskultur, die sich trotz global und individuell möglich gewordener Kommunikation dennoch vom Menschen distanziert und einen einsam vor dem Bildschirm sitzenden Benutzer hervorruft.
Zugleich wirft er die Frage auf, was wir an Mehrwert über das Gezeigte hinaus sehen, wenn ein Bild uns zu Resonanzen und Assoziationen herausfordert. Die Deutungen ließen sich einer zweiten Ebene der Codierung über andere Medien abrufen. Denken und Empfindung würden weiter ausgelagert oder eine weitere Informationsebene wäre in die Kunst kombinatorisch einbindbar, so wie es Martin R. Becker nutzt und seriell durchspielt. In der fünfteiligen Arbeit „Tractamus“ tauchen die fünf Worte „Du“, „musst“, „dein“, „Leben“, „ändern“ barcodiert auf. Appell zur Lossagung oder Anpassungsdruck ans digitale Zeitalter? Zunächst auch Verweis auf Kultur, auf eine Gedichtzeile von Rilke und auf einen Buchtitel von Sloterdijk.
Ob die in Internetclouds hinterlegten Texte „Out of Book“ oder die Formen am erreichten Ende aller durchgespielten Variationen sind, die Gamer „out of book“ nennen, bleibt so offen, wie die Bilder Martin R. Beckers, der seinen Ausstellungstitel darauf bezieht.